Scham
Was darf nicht gesehen werden?
Scham gehört zu den Erfahrungen, die sich oft nur schwer in Worte fassen lassen. Sie ist nicht immer laut oder eindeutig. Häufig zeigt sie sich in dem Wunsch, nicht aufzufallen, etwas an sich zu verbergen, sich zurückzuziehen oder am liebsten ganz zu verschwinden.
Viele Menschen kennen Momente, in denen sie sich bloßgestellt, ertappt, unzulänglich oder innerlich entwertet fühlen. Manchmal genügt ein Blick, eine beiläufige Bemerkung oder der Vergleich mit anderen. Plötzlich entsteht das Gefühl, nicht richtig zu sein, nicht zu genügen oder sich nicht zeigen zu dürfen.
Scham und Selbstbild
Scham entsteht häufig dort, wo Menschen eine schmerzhafte Diskrepanz erleben zwischen dem Bild, das sie von sich haben möchten, und dem, was sie tatsächlich erleben.
Ein Mensch möchte souverän sein und erlebt sich plötzlich hilflos. Er möchte unabhängig wirken und spürt Angewiesenheit. Er möchte kompetent erscheinen und macht einen Fehler. Er möchte gelassen bleiben und merkt, wie stark ihn etwas trifft.
In solchen Momenten geht es selten nur um die äußere Situation. Berührt wird häufig ein inneres Ideal:
So sollte ich sein.
So sollte ich nicht sein.
So möchte ich auf keinen Fall gesehen werden.
Dann scheint der eigene Wert plötzlich davon abzuhängen, wie man gesehen wird, ob man genügt oder den eigenen Idealen entspricht. Deshalb tritt Scham besonders häufig dort auf, wo Menschen hohe Ansprüche an sich selbst stellen.
Wer immer stark sein muss, schämt sich vielleicht für Hilflosigkeit. Wer sich vor allem über Unabhängigkeit definiert, schämt sich möglicherweise für Angewiesenheit. Wer den eigenen Wert stark an Kompetenz bindet, schämt sich eher für Misserfolge.
Dann können Hilflosigkeit, Angewiesenheit oder Misserfolge zwar zum tatsächlichen Erleben gehören, lassen sich jedoch nur schwer mit dem eigenen Selbstbild vereinbaren. Je größer die inneren Ideale sind, desto schmerzhafter kann die Erfahrung werden, ihnen nicht gerecht zu werden.
Oft entsteht Scham deshalb nicht durch das tatsächliche Ereignis selbst, sondern durch dessen Bedeutung für das eigene Selbstbild. Entscheidend ist häufig, dass das Erlebte nicht mehr zu dem Bild passt, das Menschen von sich selbst haben möchten.
Die Angst vor Entblößung
Scham zeigt sich häufig dort, wo Menschen beginnen, sich mit den Augen eines anderen zu betrachten: Was könnte mein Gegenüber jetzt an mir sehen?
Wer früh erlebt hat, beschämt, ausgelacht, abgewertet oder in der eigenen Verletzlichkeit nicht verstanden zu werden, kann solche Erfahrungen weit über die ursprüngliche Situation hinaus mit sich tragen. Der Blick des Gegenübers wird dann nicht mehr nur als Wahrnehmung erlebt, sondern als Urteil. Dann geht es nicht mehr nur darum, was Menschen an sich selbst wahrnehmen.
Entscheidend wird die Vorstellung, dass andere genau diese Seiten ebenfalls sehen könnten. Etwas an mir könnte sichtbar werden, das verborgen bleiben soll – Unsicherheit, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit oder Abhängigkeit.
Scham ist deshalb eng mit der Angst verbunden, innerlich entblößt zu werden. Nicht körperlich, sondern seelisch.
Deshalb führt Scham häufig zu Rückzug. Menschen vermeiden Situationen, in denen sie sich bewertet, verglichen oder bloßgestellt fühlen könnten. Sie sagen weniger, zeigen weniger oder versuchen, möglichst unangreifbar zu wirken.
Der Wunsch, gesehen zu werden – und die Angst, sichtbar zu sein
Scham bewegt sich häufig zwischen zwei gegensätzlichen Wünschen: dem Wunsch, gesehen zu werden, und der Angst, sichtbar zu sein.
Menschen möchten mit wichtigen Seiten ihrer Person wahrgenommen werden. Gleichzeitig fürchten sie, gerade für diese Seiten bewertet, zurückgewiesen oder beschämt zu werden. Daraus kann ein inneres Dilemma entstehen:
Bitte sieh gerade diese Seite von mir.
Bitte sieh sie auf keinen Fall.
Was Menschen am stärksten verbergen, gehört nicht selten zu den Seiten ihrer Person, die besonders gesehen werden möchten.
Wenn Scham sich anders zeigt
Scham äußert sich nicht immer in Rückzug oder Vermeidung. Manche Menschen reagieren darauf auch mit Ärger, Kritik, Abwertung oder Angriff. Zudem ist sie nicht immer unmittelbar erkennbar. Überlegenheit, Perfektionismus, besondere Angepasstheit, Intellektualisierung oder emotionale Kühle können Versuche sein, ein Gefühl von Verletzlichkeit oder Beschämung auf Abstand zu halten.
Wer sich beschämt fühlt, erlebt sich häufig als klein, abhängig oder verletzlich. Nicht immer lassen sich solche Gefühle unmittelbar wahrnehmen oder zulassen. Manchmal werden sie deshalb abgewehrt und in andere Gefühle verwandelt. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die eigene Verletzlichkeit, sondern auf die Fehler oder Schwächen anderer Menschen.
Kritik, Spott oder die Abwertung anderer können dazu beitragen, ein schmerzhaftes Gefühl von Unterlegenheit nicht spüren zu müssen. Was vor Scham schützt, kann dann zugleich Distanz schaffen und Beziehungen belasten.
Scham zeigt sich deshalb nicht immer dort, wo Menschen unsicher wirken. Mitunter zeigt sie sich gerade dort, wo Menschen besonders unangreifbar erscheinen.
Welche Rolle spielt Psychotherapie?
In der psychodynamischen Psychotherapie geht es nicht darum, Scham vorschnell zu beseitigen oder zu übergehen. Zunächst ist wichtig zu verstehen, wovor sie schützt und welche inneren Erfahrungen mit ihr verbunden sind.
Dabei können Fragen hilfreich sein wie:
Was darf an mir nicht sichtbar werden?
Wessen Blick fürchte ich?
Welche Seite meiner Person versuche ich zu verbergen?
Wann habe ich gelernt, dass gerade diese Seite beschämend ist?
Was würde geschehen, wenn ich mich damit zeigen würde?
Psychotherapie kann helfen, Scham als verständliche Reaktion auf frühere Beziehungserfahrungen zu begreifen. Nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Hinweis auf etwas, das lange verborgen bleiben musste. Scham verweist dann nicht nur auf das, was vermieden werden soll, sondern kann auch den Zugang zu einer inneren Welt eröffnen, in der bestimmte Seiten der eigenen Person als gefährlich, peinlich oder nicht zumutbar erlebt werden.
Das, was lange verborgen bleiben musste, kann allmählich denkbar werden und mit der Zeit auch gegenüber anderen weniger bedrohlich erscheinen.