Beziehungen
Die Wirklichkeit des anderen
Beziehungen gehören zu den selbstverständlichsten Erfahrungen unseres Lebens. Wir verbringen einen großen Teil unserer Zeit mit anderen Menschen, wünschen uns ihre Nähe, leiden unter ihrer Abwesenheit oder Anwesenheit und beschäftigen uns damit, was sie denken oder von uns halten könnten.
Gerade deshalb erscheint es selbstverständlich, dass wir andere Menschen kennen. Wir glauben zu wissen, wer sie sind, verstehen zu können, weshalb sie handeln, und sind oft überzeugt, ihre Absichten zu kennen. Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass vertraute Menschen unerwartet reagieren. Ein Konflikt entsteht, obwohl beide Seiten überzeugt sind, die Situation richtig verstanden zu haben.
Aus psychodynamischer Sicht begegnen wir nicht nur dem anderen Menschen, sondern immer auch unseren Vorstellungen von ihm.
Wir erleben ihn als jemanden, der uns versteht oder enttäuscht, bestätigt oder zurückweist. Dabei wissen wir oft viel darüber, was der andere für uns bedeutet – und weniger darüber, wer er selbst eigentlich ist.
Die Vorstellung, dass ein anderer Mensch über ein eigenständiges inneres Leben verfügt, wirkt selbstverständlich. Psychisch ist sie jedoch alles andere als selbstverständlich. Denn sie bedeutet anzuerkennen, dass der andere nicht einfach Teil unserer eigenen Welt ist. Er hat Erinnerungen, Wünsche, Konflikte und Bedeutungen, die seiner eigenen Lebensgeschichte entstammen. Er erlebt dieselbe Situation möglicherweise ganz anders als wir.
Diese Eigenständigkeit kann schmerzhaft sein, weil sie uns mit einer grundlegenden Erfahrung konfrontiert: Der andere bleibt immer auch getrennt von uns. Er existiert unabhängig davon, wie wir ihn erleben, was wir uns von ihm wünschen oder welche Bedeutung wir ihm geben.
Verstehen und Nicht-Wissen
Gerade in emotional belastenden Situationen fällt es oft schwer, die Innenwelt des anderen im Blick zu behalten. Wer sich verletzt, gekränkt oder zurückgewiesen fühlt, beschäftigt sich verständlicherweise zunächst mit dem eigenen Erleben. Dann fällt es nicht leicht, offen für das innere Erleben des Gegenübers zu bleiben.
Die Absichten des anderen erscheinen eindeutig. Seine Motive scheinen festzustehen. Es wirkt offensichtlich, weshalb er gehandelt hat und was er damit gemeint haben muss. Vermutungen können dann leicht zu Gewissheiten werden.
Dabei bleibt uns die Innenwelt eines anderen Menschen letztlich nur teilweise zugänglich. Wir können beobachten, fragen, zuhören und versuchen zu verstehen. Doch wir werden niemals vollständig wissen, was im anderen vorgeht.
Psychische Entwicklung zeigt sich auch darin, Nicht-Wissen aushalten zu können: die Möglichkeit offenzuhalten, dass der andere anders denkt, fühlt oder erlebt, als wir annehmen.
Gerade weil wir den anderen nie vollständig kennen können, richtet sich der Blick in der psychodynamischen Sichtweise nicht nur auf ihn, sondern auch auf die eigene Art, Beziehungen zu erleben.
Beziehung als Ort der Selbstbegegnung
Beziehungen zeigen uns nicht nur den anderen, sondern auch uns selbst.
Menschen begegnen anderen nicht mit leeren Händen. Sie bringen Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen und innere Bilder davon mit, wie Beziehungen funktionieren. Dadurch wird das Gegenüber leicht zum Träger von Bedeutungen, die weit über seine tatsächliche Person hinausgehen.
Frühe Erfahrungen prägen häufig die Erwartung, ob andere verfügbar sind, ob wir verstanden werden und womit wir in Beziehungen rechnen müssen. Dadurch reagieren wir oft nicht nur auf den Menschen, der uns gegenübersitzt, sondern zugleich auf Beziehungserwartungen, die im Laufe unserer Entwicklung entstanden sind.
Vielleicht erklärt das, weshalb sich in unterschiedlichen Beziehungen mitunter ähnliche Gefühle, Hoffnungen und Enttäuschungen wiederholen. Die beteiligten Personen wechseln. Die Situationen unterscheiden sich. Und dennoch entstehen vertraute Enttäuschungen, vertraute Hoffnungen und vertraute Konflikte.
Solange wir den anderen vor allem durch unsere früheren Beziehungserfahrungen wahrnehmen, neigen wir dazu, in vertrauten Beziehungsmustern zu bleiben.
Wenn es gelingt, dem Menschen vor uns mit größerer Offenheit zu begegnen, entsteht die Möglichkeit, auf das zu reagieren, was sich in der Beziehung gerade zeigt – und nicht nur auf das, was wir aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen erwarten. Beziehungen werden dann weniger zur Wiederholung alter Erfahrungen und mehr zu einer Begegnung mit dem anderen Menschen.
Beziehungen verändern uns
Früh entstandene Beziehungserwartungen sind nicht unveränderlich. Wiederholte neue Erfahrungen können dazu beitragen, dass sich allmählich verändert, was wir von anderen erwarten und wie wir uns selbst in Beziehungen erleben.
Wer sich verstanden fühlt, verändert oft auch den Blick auf sich selbst. Alte Überzeugungen verlieren an Selbstverständlichkeit, manchmal wird erst im Kontakt mit einem anderen Menschen sichtbar, dass die eigene Geschichte nicht die einzige Möglichkeit ist, sich selbst und andere zu erleben.
Ambivalenz und Verbundenheit
In Beziehungskonflikten verengt sich die Wahrnehmung häufig auf Gegensätze: entweder richtig oder falsch, entweder für mich oder gegen mich, meine Sichtweise oder deine, mein Recht oder dein Recht. Beziehungen lassen sich jedoch selten auf solche Gegensätze reduzieren.
Ein Mensch kann geliebt werden und gleichzeitig enttäuschen. Er kann Verständnis zeigen und dennoch anderer Meinung sein. Mit zunehmender psychischer Entwicklung wird es eher möglich, Widersprüchlichkeit aushalten zu können, ohne den anderen nur noch als gut oder nur noch als schlecht zu erleben.
Nähe entsteht nicht dadurch, dass Unterschiede verschwinden. Sie entsteht dort, wo Unterschiede bestehen bleiben dürfen, ohne dass die Beziehung daran zerbricht. Menschen bleiben einander immer auch fremd und niemals vollständig verfügbar. Vielleicht besteht die Herausforderung menschlicher Beziehungen darin, Verbundenheit zu suchen, ohne die Fremdheit des anderen aufheben zu wollen.