Innere Konflikte

Warum wollen wir manchmal Gegensätzliches?

Viele Menschen kennen Situationen, in denen sie sich unschlüssig fühlen, obwohl sie eigentlich wissen, was sie wollen.

Sie treffen eine Entscheidung und beginnen kurz darauf zu zweifeln. Sie wünschen sich Veränderung und halten gleichzeitig am Vertrauten fest. Oder sie sehnen sich nach Nähe und erleben zugleich den Wunsch nach Abstand.

Oft entsteht dabei das Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen.

Innere Konflikte sind Teil des menschlichen Erlebens

Aus psychodynamischer Sicht sind innere Konflikte nichts Ungewöhnliches. Sie entstehen dort, wo unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse oder innere Überzeugungen miteinander in Spannung geraten.

Viele Konflikte betreffen dabei grundlegende Fragen des Lebens:

  • Wie viel Nähe brauche ich – und wie viel Eigenständigkeit möchte ich bewahren?

  • Wie viel Sicherheit brauche ich – und wie viel Veränderung kann ich zulassen?

  • Wie viel Anpassung ist notwendig – und wann verliere ich mich selbst?

Wenn beide Seiten etwas Wichtiges wollen

Innere Konflikte werden häufig nicht deshalb belastend, weil eine Seite richtig und die andere falsch wäre. Sie werden belastend, weil beide Seiten etwas Wichtiges vertreten.

Ein Konflikt entsteht zudem oft nicht dadurch, dass beide Bedürfnisse existieren, sondern dadurch, dass ihre Gleichzeitigkeit schwer auszuhalten ist. Der Wunsch nach Nähe kann mit dem Wunsch nach Eigenständigkeit in Spannung geraten. Das Bedürfnis nach Sicherheit mit dem Wunsch nach Entwicklung.

Häufig bedeutet jede Entscheidung zugleich, auf etwas anderes verzichten zu müssen. Nicht selten entsteht dadurch das Gefühl, dass jede Lösung auch einen Verlust beinhaltet. Genau deshalb fällt es oft schwer, auf eine der beiden Seiten zu verzichten.

Warum innere Konflikte oft bestehen bleiben

Häufig versuchen Menschen unbewusst, einen Konflikt zu lösen, indem sie sich überwiegend für eine Seite entscheiden. Zum Beispiel für Nähe auf Kosten der Eigenständigkeit. Oder für Unabhängigkeit auf Kosten von Verbundenheit. Für Sicherheit auf Kosten von Entwicklung. Oder für Anpassung auf Kosten der eigenen Selbstbestimmung.

Dadurch entsteht oft zunächst Entlastung. Gleichzeitig bleiben andere wichtige Bedürfnisse unberücksichtigt.

Viele Verhaltensweisen sind nicht zufällig. Häufig helfen sie dabei, mit widersprüchlichen Bedürfnissen und inneren Spannungen umzugehen. Zugleich können sie jedoch dazu beitragen, dass der eigentliche Konflikt bestehen bleibt.

Übermäßige Anpassung kann vor Konflikten schützen, betonte Unabhängigkeit helfen, Gefühle von Verletzbarkeit und die Angst vor Zurückweisung auf Abstand zu halten, oder Perfektionismus helfen, Unsicherheit und Kritik zu vermeiden.

Solche Verhaltensweisen bleiben oft über lange Zeit erhalten. Sie bringen zwar Schwierigkeiten mit sich, sind aber zugleich ein Versuch, mit inneren Konflikten umzugehen und Gefühle auf Abstand zu halten, die noch schwerer auszuhalten erscheinen.

Der Kompromiss, der Leiden schafft

Aus psychoanalytischer Sicht haben viele Symptome einen Kompromisscharakter. Sie können einerseits Leiden verursachen und gleichzeitig helfen, innere Spannungen zu regulieren.

Gerade weil Symptome oft auch eine Schutzfunktion erfüllen, lassen sie sich nicht einfach aufgeben, selbst wenn sie belastend sind. Der eigentliche Konflikt verschwindet dadurch jedoch meist nicht. Er zeigt sich häufig auf eine Weise, die kaum als Ausdruck eines inneren Konflikts erkannt wird.

Wenn nur die Folgen sichtbar werden

Innere Konflikte werden häufig nicht unmittelbar wahrgenommen. Stattdessen zeigen sich ihre Folgen. Nicht selten wird nur eine Seite des Konflikts bewusst erlebt, während die andere im Hintergrund bleibt.

Manche Menschen erleben beispielsweise vor allem den Wunsch nach Nähe, ohne zu bemerken, wie sehr sie zugleich befürchten, sich abhängig oder eingeengt zu fühlen. Die damit verbundenen Ängste werden oft nicht bewusst erlebt, sondern zeigen sich eher indirekt – etwa, wenn Menschen sich zurückziehen, sobald Beziehungen enger oder verbindlicher werden, obwohl sie sich doch eigentlich nach Verbundenheit sehnen.

Besonders dann, wenn ein Teil des Konflikts unbewusst bleibt, wirken innere Konflikte oft rätselhaft oder schwer verständlich.

Der eigentliche Konflikt wird dabei häufig nicht als solcher erlebt. Stattdessen kann er sich unter anderem in Entscheidungsschwierigkeiten, wiederkehrenden Selbstzweifeln oder in dem Gefühl zeigen, immer wieder in ähnlichen Situationen festzustecken.

Welche Rolle spielt Psychotherapie?

Psychodynamische Psychotherapie interessiert sich dafür, welche unterschiedlichen Seiten in einem inneren Konflikt miteinander in Spannung geraten. Dabei richtet sich der Blick nicht nur auf die Frage, weshalb ein Konflikt überhaupt entstanden ist. Ebenso wichtig kann es sein, die innere Logik eines Konflikts besser zu verstehen.

Dabei können Fragen hilfreich sein wie:

  • Was würde ich verlieren, wenn ich mich entscheide?

  • Welche Seite von mir darf nicht sichtbar werden?

  • Wovor schützt mich dieser Konflikt?

  • Was würde sich verändern, wenn ich mir auch die andere Seite erlauben würde?

Oft geht es dabei nicht darum, eine Seite des Konflikts zu beseitigen, sondern die unterschiedlichen Seiten besser zu verstehen.

Psychotherapie bedeutet nicht, die grundsätzliche Ambivalenz menschlichen Erlebens abzuschaffen. Sie kann jedoch helfen, bisher ausgeblendete Seiten der eigenen Person anders wahrzunehmen und mehr Wahlmöglichkeiten im Umgang mit den eigenen inneren Gegensätzen zu entwickeln. So kann es beispielsweise möglich werden, sowohl das Bedürfnis nach Nähe als auch den Wunsch nach Eigenständigkeit zuzulassen, ohne sich automatisch für eine Seite entscheiden zu müssen.