Die eigene innere Welt verstehen
Warum fällt es uns manchmal so schwer, uns selbst zu verstehen?
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens Vorstellungen darüber, wer er ist. Dennoch machen viele Menschen immer wieder die Erfahrung, dass ihnen ihr eigenes Erleben rätselhaft erscheint. Sie reagieren anders, als sie es sich vorgenommen hatten, fühlen Gegensätzliches oder verstehen nicht, warum bestimmte Situationen sie so stark berühren.
Nicht selten entsteht dabei die Frage:
Warum reagiere ich eigentlich so?
Die innere Welt entsteht in Beziehungen
Sich selbst zu verstehen bedeutet mehr, als nur über sich selbst nachdenken zu können.
Selbstverstehen umfasst die Fähigkeit, Gefühle, Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse wahrzunehmen und als Ausdruck der eigenen inneren Welt einzuordnen. Dabei bleibt uns jedoch ein Teil dieser inneren Welt zunächst verborgen. Wünsche, Ängste oder innere Konflikte wirken häufig, bevor wir sie bewusst wahrnehmen.
Die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen, entsteht in frühen Beziehungen.
Kinder entwickeln ein Gefühl für sich selbst vor allem dann, wenn ihre Gefühle, Bedürfnisse und Absichten von wichtigen Bezugspersonen wahrgenommen, verstanden und beantwortet werden. Aus deren Blicken, Erwartungen und Urteilen werden mit der Zeit innere Stimmen. Sie beeinflussen, was wir von uns selbst erwarten und wie wir uns selbst begegnen.
Unsere innere Welt entsteht dabei meist nicht durch einzelne Schlüsselerlebnisse, sondern durch viele kleine, sich wiederholende Beziehungserfahrungen. Diese verdichten sich allmählich zu Erwartungen darüber, wie andere Menschen reagieren, was wir von Beziehungen erwarten können und wie wir uns selbst erleben.
Dabei verinnerlichen wir andere nicht so, wie sie objektiv waren, sondern so, wie wir sie erlebt haben. Diese verinnerlichten Erfahrungen begleiten uns oft, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen.
Unsere innere Welt beeinflusst, wie wir die Wirklichkeit erleben
Wir begegnen Situationen nie völlig neutral. Wir erleben sie immer auch vor dem Hintergrund unserer bereits entstandenen inneren Welt.
Deshalb reagieren wir häufig nicht nur auf das, was gerade geschieht, sondern zugleich auf unsere eigenen Erwartungen, Erinnerungen und frühere Beziehungserfahrungen.
Nicht alles, was uns bewegt, liegt dabei von Anfang an in Form klarer Gedanken vor, und nicht jedes innere Erleben lässt sich vollständig in Worte fassen. Manches zeigt sich zunächst eher in Gefühlen, körperlicher Anspannung, Träumen oder wiederkehrenden Verhaltensweisen und wird erst nach und nach verstehbar.
Ein Teil unseres Erlebens bleibt zunächst vorsprachlich organisiert. Wir spüren oft etwas, bevor wir es benennen können. Die eigene innere Welt erschließt sich deshalb selten auf einmal, sondern häufig erst im Nachdenken über Erfahrungen, im Kontakt mit anderen Menschen und im gemeinsamen Verstehen.
Selbstverstehen bedeutet deshalb häufig auch, den Blick von der Frage „Warum bin ich so?“ auf eine andere Frage zu richten: „Welche Erfahrungen haben dazu geführt, dass sich heute bestimmte Erwartungen und Reaktionen in mir beinahe automatisch zeigen?“
Die eigene innere Welt besser zu verstehen bedeutet jedoch nicht nur, Zusammenhänge zu erkennen. Es kann auch dabei helfen, mit den unterschiedlichen und manchmal widersprüchlichen Seiten der eigenen Persönlichkeit anders umzugehen.
Die unterschiedlichen Seiten der Persönlichkeit integrieren
Zur eigenen Persönlichkeit gehören meist unterschiedliche und manchmal widersprüchliche Seiten. Wir können Nähe wünschen und uns gleichzeitig zurückziehen. Wir können selbstbewusst sein und dennoch an uns zweifeln. Wir können jemanden lieben und gleichzeitig ärgerlich auf ihn sein.
Psychische Entwicklung bedeutet deshalb nicht, Widersprüche zu beseitigen. Sie zeigt sich vielmehr darin, unterschiedliche Gefühle, Wünsche und Anteile der eigenen Persönlichkeit zunehmend miteinander verbinden zu können, ohne dass einzelne Seiten abgewehrt oder voneinander getrennt gehalten werden müssen. Dadurch kann ein stabileres inneres Erleben entstehen, das Ambivalenz besser aushalten kann und weniger von einem Entweder-oder bestimmt wird.
Verstehen eröffnet einen anderen Blick auf uns selbst
Unsere innere Welt ist kein Zufall. Sie ist im Laufe unserer Entwicklung entstanden und folgt häufig einer inneren Logik – selbst dort, wo sie belastend erscheint. Wer die eigene innere Welt besser versteht, erkennt häufig Zusammenhänge, die zuvor verborgen geblieben sind. Dadurch kann sich auch die Art, wie wir uns selbst begegnen, verändern. Verstehen ist damit oft der erste Schritt zu mehr innerer Freiheit.